Časopis Slovo a slovesnost
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Z dějin litevské stylistiky

Vaidas Šeferis, Vaida Knabikaitė

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From the history of Lithuanian stylistics / Aus der Geschichte der litauischen Stilistik

A B S T R A C T
This article deals with the history of Lithuanian stylistics. In the first part, old Lithuanian literature is presented from the stylistic point of view. Three main styles from the period prior to the 19th century can be identified: the ecclesiastic, the official and the belles-lettres style. The ecclesiastic style holds the dominant position and includes the oldest Lithuanian texts from the 16th century; the official style and belles-lettres where influenced by German and Polish and did not recover their independent stylistic features until the end of the 18th century. The full stylistic scale of Lithuanian literature developed at the beginning of 20th century. The second part of the article analyses the rise and development of Lithuanian stylistic theory in the 20th and 21st centuries. Stylistics became a separate area of study in Lithuania in the 1930s and its development was closely connected to the functional theory of language, represented by the work of the Prague Linguistic Circle. In “Lietuvių kalbos stilistika” (1971b), Juozas Pikčilingis laid the foundation for contemporary Lithuanian stylistic theory, which has been continued and extended by a new generation of scientists such as Kazimieras Župerka (theory of the competition of linguistic means), Audronė Bitinienė (statistical research on style) or Juozas Abaravičius (stylistics of punctuation).

Z U S A M M E N F A S S U N G
Der Artikel setzt sich zum Ziel, die Geschichte der litauischen Stilistik in ihren Grundzügen darzustellen und auf manche wichtige Verbindungen zwischen der litauischen und tschechischen Sprachlehre hinzuweisen. Das erste Kapitel ist dem alten litauischen Schrifttum gewidmet, welches aus stilistischer Sicht präsentiert wird. Im Verlauf mehrerer Jahrhunderte wurde litauisch nicht nur in Litauen (später – Adelsrepublik Zweier Nationen), sondern auch im ehemaligen Preußen gesprochen. Deshalb unterscheidet man den sog. groß- und kleinlitauischen Zweig des litauischen Schrifttums. Beide von ihnen besitzen eine eigene Geschichte und weisen unterschiedliche stilistische Züge auf.
Bis zum 19. Jh. kann man von drei stilistischen Varianten der litauischen Schriftsprache reden und den kirchlichen Stil, den Kanzleistil und den belletristischen Stil unterscheiden. Die Mehrheit der älteren litauischen Texte ist kirchlicher Provenienz, so kommt dem kirchlichen Stil der wichtigste Platz in der stilistischen Struktur des Altlitauischen zu. Erst am Ende des 18. Jh. entfaltet sich die schöngeistige Literatur als eine selbstständige Form der schriftlichen Aussage. Die Kanzleisprache ist zwar durch die allerälteste Schicht des litauischen Schrifttums (Urkunden des König Mindaugas und des Großfürsten Gediminas) repräsentiert, wurde aber zugleich zumeist von Fremdsprachen (Latein, Deutsch und Polnisch) dominiert. Die vollständige Skala der Stile entfaltet das Litauische erst am Anfang des 20. Jh., als die gesamte stilistische Sprachstruktur durch die Entstehung des publizistischen, des wissenschaftlichen und des modernen Alltagstils vollendet wurde.
Im zweiten Kapitel werden die Anfänge und die Entwicklung der gegenwärtigen litauischen Stilistik dargestellt. Als eine selbstständige Disziplin wurde die Stilistik zum ersten Mal in den dreißiger Jahren des 20. Jh. in den Arbeiten von Pranas Skardžius und Petras Jonikas dargestellt. Ihre Initiativen hingen eng mit den Entdeckungen der Funktional-Grammatik der sog. Prager Schule zusammen. Der Ausbruch des 2. Weltkriegs und die darauf folgende Okkupation Litauens haben leider verhindert, dass die Grundlagen einer litauischen stilistischen Theorie geschaffen wurden. Die gegenwärtige stilistische Theorie entwickelte sich erst mit der Monografie von Juozas Pikčilingis „Lietuvių kalbos stilistika“ (1971) in vollem Umfang. Seit den sechziger Jahren des 20. Jh. gilt Stilistik in Litauen als eine eigenständige Disziplin und ist in allen Hochschulprogrammen vertreten. Die litauische stilistische Theorie wurde von einer neuen Wissenschaftlergeneration weiterentwickelt und wird heute durch Namen wie Kazimieras Župerka (Theorie der konkurrierenden Sprachmittel), Audronė Bitinienė (statistische Stilanalysen) oder Juozas Abaravičius (Stilistik der Zeichensetzung) repräsentiert.

Key words: stylistics, literature, Lithuanian stylistics, Lithuanian literature, old Lithuanian literature
Klíčová slova: stylistika, literatura, litevská stylistika, litevská literatura, stará litevská literatura

Daný článek je on-line k dispozici v databázi CEEOL.

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Slovo a slovesnost, ročník 67 (2006), číslo 2, s. 120-145

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