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Final stops in Indo-European: their phonological classification as a key to the Proto-Indo-European root structure constraint

Reiner Lipp

[Články]

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Indogermanische Verschlusslaute im Auslaut: ihre phonologische Klassifizierung als Schlüssel zur urindogermanischen Wurzelstrukturbeschränkung

A B S T R A C T
The connection of the thesis advocated by Meillet and Gauthiot of the “implosive”, i.e. unreleased, character of final Proto-Indo-European (PIE) obstruents with the structuralist framework of the Prague School opens up the view for our understanding of the phonological structure of the obstruent or plosive system of PIE and several ancient daughter languages, because based on Trubetzkoy’s theory of neutralization and the archiphoneme the relevant correlation marks can be set up by determining the phonemic status of “implosives”, i.e. unreleased stops, in positions of neutralization. We can conclude that in word final position PIE displayed unreleased lenes (with the phonetic features [–tense, –voiced, –aspirated]), which due to the distinctive function of tenseness (and not voice) were phonologically classified as mediae (with the phonological features [–tense, –aspirated]) and not as tenues (with the phonological features [+tense, –aspirated]). This state of affairs is still reflected directly by the not closely related Indo-European (IE) languages Latin, Avestan and Lydian, and indirectly or less clearly by Hittite, Vedic, Greek, and rudimentarily by Old Persian, Celtic, Slavonic, and possibly by Germanic.

Z U S A M M E N F A S S U N G
Die in der Forschung ungenügend aufgeklärte Frage nach der Beschaffenheit der indogermanischen Verschlusslaute im Auslaut und in Auslautgruppen verdient stärkere Beachtung. Dabei ist die von Meillet und Gauthiot stammende These von der „implosiven“, d. h. ohne Verschlusslösung realisierten Artikulation der indogermanischen auslautenden Obstruenten zu berücksichtigen, die bis heute kaum rezipiert wurde. Bestätigung findet dieser Ansatz im Rahmen von Trubetzkoys Theorie von Neutralisation und Archiphonem.
Es kann gezeigt werden, dass aus phonetischen und phonologischen Gründen die herkömmliche binaristische Auffassung aufzugeben ist, nach der in bestimmten phonologischen Systemen mit 4 Verschlusslautreihen vom Typ /t/ – /d/ – /th/ – /dh/, wie sie in verschiedenen neu-indoarischen Sprachen und im Altindischen vorkommen, die Merkmale Stimmton und Spannung autonom und unabhängig voneinander phonologisch distinktiv sind, wobei die Aspiration lediglich eine phonologisch irrelevante Begleiterscheinung von Spannung sei. Stattdessen ist ein Modell anzusetzen, in dem die gleichzeitige phonologische Markierung eines Segments sowohl durch Stimmton als auch Spannung ausgeschlossen ist und Aspiration als phonologisch distinktives Merkmal auftreten kann.
Nach dem Zeugnis der antiken phonetischen Lehrwerke der vedischen Epoche wurden auslautende Verschlusslaute artikuliert als ohne Verschlusslösung realisierte Lenes, wie das auch bei Verschlusslauten in Kontaktstellung der Fall war (eine unter der Bezeichnung abhinidhāna- ‚unvollständige Artikulation‘ erfasste Realisierung). Diese Gegebenheit ermöglicht das Verständnis des Phänomens, dass in mehreren nicht eng miteinander verwandten alt-indogermanischen Sprachen ein phonologisch bzw. orthographisch als stimmhafter Verschlusslaut repräsentierter Dental im Wortauslaut oder im absoluten Auslaut erscheint, obwohl man aus morphologischen oder lexikalischen Gründen einen stimmlosen Verschlusslaut erwarten würde; vgl. Paläo-Latein SIED = vedisch syā́t < Optativ Präsens urindogermanisch *h1s-i̯ḗh1-t ‚er/sie möge sein‘ (ved. syā́t mit /-t/ als Pausa-Realisierung, die aber in den vedischen phonetischen Lehrwerken typologisch beschrieben wird als ohne Verschlusslösung realisierte Lenis und die als /-d/ im Satz-Sandhi vor Vokal oder Sonorant erscheint), Paläo-Latein ESED = vedisch ásat < Konjunkiv Präsens uridg. *h1és-e-t ‚er/sie soll sein‘ mit Sekundärendung *-t = */-d/ gegenüber Primärendung *-ti (= *-t-i mit hic-et-nunc-Marker *-i) wie in lateinisch est = vedisch ásti < Indikativ Präsens uridg. *h1és-ti ‚er/sie ist‘, Paläo-Latein MITAT ‚schenkt‘ < Indikativ Präsens uridg. *mith2-éi̯e-ti = */mith2-ái̯e-ti/ ‚gibt im Austausch‘; entsprechend Präteritum hethitisch paitaš = /pái̯d+as/ ‚er ging‘ (mit enklitischem anaphorischen Subjektpronomen), Injunktiv Aorist alt-avestisch yaogət̰ = /i̯au̯gd/ ‚er schirrte an‘, Perfekt Paläo-Latein FECED ‚er machte‘ mit ererbter Sekundärendung uridg. *-t = */-d/ gegenüber Primärendung uridg. *-ti, fortgesetzt in Indikativ Präsens heth. paizzi = /pái̯tsi/ ‚er geht‘, jung-avestisch yujiieiti ‚er jocht an‘, lat. facit ‚er macht‘; ferner die neutrale Pronominalendung /-d/ im Anatolischen und Italischen in Fällen wie lydisch qid ‚was‘ = heth. kuit(-aš) /kid(-as)/ ‚was (er/sie)‘ = lat. quid ‚was‘, avestisch -cit̰ ‚was auch immer‘ in kas-cit̰ ‚wer auch immer, irgendein‘ < uridg. */kí-d/ ‚was‘ gegenüber Pronominalformen mit synchronem /-t/ in sekundärer Auslautposition wie der Konjunktion lyd. kot = heth. kuu̯atta ‚wohin‘ < uridg. *kṷó-t-o (Direktiv) ‚wohin, in welche Richtung‘ und lat. quot = ved. káti ‚wie viel(e)‘ < uridg. *kṷó-t-i (Lokativ) ‚wie viel, in welchem Maß‘.
Gemäß Kiparskys neuer Untersuchung der typologischen Evidenz gibt es in keiner Sprache eine synchrone Regel, den Auslaut automatisch stimmhaft zu artikulieren („no languages in fact have synchronic final voicing rules“). In Einklang damit kann das systematische Auftreten eines morphologisch oder lexikalisch unerwarteten stimmhaften Verschlusslauts im Auslaut somit durch die Annahme erklärt werden, dass in den betreffenden Fällen ein lenierter Verschlusslaut zugrunde liegt (aus morphologischen Gründen meist, aber nicht ausschließlich ein Dental, d. h. *-d̥), der durch die Neutralisation der Artikulationsartmerkmale Spannung, Stimmton und Aspiration in Auslautposition bedingt war. Das bedeutet, dass im Wortauslaut lenierte Verschlusslaute mit der Merkmalsmatrix [–gespannt, –stimmhaft, –aspiriert] phonologisch als Mediae mit der Merkmalsmatrix [–gespannt, (+stimmhaft), –aspiriert] klassifiziert worden sein müssen; und dies ist nur möglich, wenn Spannung und nicht Stimmton das phonologisch relevante Merkmal war, weshalb Segmente mit dem Merkmal [–gespannt] phonologisch identifiziert wurden als Mediae (d, b, g), bei denen der Stimmton offensichtlich nur eine phonologisch irrelevante Begleiterscheinung darstellte. Aus diesem Grund konnten die im Auslaut lenierten Verschlusslaute phonologisch nicht als Tenues (t, p, k) klassifiziert werden, da diese durch das phonologische Merkmal [+gespannt] charakterisiert waren.
Die bei den lenierten Verschlusslauten im Auslaut auftretende Artikulation ohne Verschlusslösung bietet phonetisch ferner den Grund, warum die Lex Bartholomae (DhT, Dhs > DDh, Dzh) im Wortauslaut neutralisiert wurde. Denn eine finale Lenis, d. h. ein Obstruent (Verschlusslaut/Spirant), der auf den Aufbau der artikulatorischen Verschluss- oder Engenbildung beschränkt ist, kann keine Aspiration aufweisen, da diese erst nach erfolgter Lösung des Verschlusses oder der Verengung auftreten kann.
Durch Feststellung des phonemischen Status der lenierten Verschlusslaute im Auslaut können im indogermanischen Bereich die phonologischen Korrelationsmerkmale wie folgt bestimmt werden: Für das Anatolische, das Avestische und das Lateinische das Merkmal Spannung, für das Griechische oder seine Vorstufe die Merkmale Aspiration und Spannung (letzteres nur nach Ausweis versteinerter Formen im Vorderglied verschiedener auf Juxtapositionen zurückgehenden Komposita, und zwar wegen des sonst im Griechischen eintretenden Verlusts finaler Verschlusslaute), für das Altindische die Merkmale Aspiration und Stimmton (aber mit Reflexen der phonologischen Relevanz des Merkmals Spannung in produktiven Sandhi-Regeln); im Urindogermanischen waren deshalb vermutlich die Merkmale Aspiration und Spannung phonologisch relevant, nicht aber der Stimmton.
Geht man nach den vorangehenden Ausführungen für das Urindogermanische davon aus, dass das artikulatorische Merkmal Spannung phonologische Relevanz besaß, jedoch nicht der traditionell als phonologisch distinktives Merkmal angesetzte Stimmton, so lässt sich die uridg. Wurzelstrukturbeschränkung formal anhand der Bedingung beschreiben, dass in einem Wurzelmorphem eine positive Markierung durch einen und nur einen Typ von phonologischem Merkmal vorhanden sein muss. Aufgrund der uridg. Wurzelstrukturbeschränkung sind Wurzeln ausgeschlossen, die zwei Mediae (M = [–gespannt, –aspiriert]) enthalten, sowie Wurzeln, die eine Media aspirata (MA = [–gespannt, +aspiriert]) zusammen mit einer Tenuis (T = [+gespannt, –aspiriert]) enthalten: Somit lassen sich diese nicht zulässigen Wurzelstrukturen mit der Verschlusslaut-Matrix M–M oder MA–T, T–MA hinsichtlich ihrer phonologischen Merkmale entweder klassifizieren als unzureichend merkmalhaft infolge der Abwesenheit einer positiven Markierung, d. h. infolge des Fehlens von [+gespannt] oder [+aspiriert] im Fall von M–M, oder aber als übermäßig merkmalhaft infolge des Vorhandenseins von mehr als einem Typ positiver Markierung, d. h. infolge des Auftretens von [+gespannt] und [+aspiriert] innerhalb ein und desselben Wurzelmorphems im Fall von MA–T, T–MA. Jedoch in den wohlgeformten Wurzelstrukturen, die entweder zwei Tenues enthalten (T = [+gespannt, –aspiriert]) oder eine Tenuis zusammen mit einer Media (M = [–gespannt, –aspiriert]) oder eine Media zusammen mit einer Media aspirata (MA = [–gespannt, +aspiriert]) oder zwei Mediae aspiratae, gibt es nur einen Typ positiver Markierung innerhalb der Wurzel, d. h. entweder [+gespannt] oder aber [+aspiriert]; mit anderen Worten, in den zulässigen Wurzelstrukturen, d. h. in T–T oder T–MA, MA–T oder M–MA, MA–M oder MA–MA, tritt als positive Markierung innerhalb eines Wurzelmorphems entweder die Merkmalspezifikation [+gespannt] (in T) oder [+aspiriert] (in MA) auf, aber nicht beide zusammen; dabei ist zu berücksichtigen, dass die Media (M = [–gespannt, –aspiriert]) trotz ihrer Stimmhaftigkeit keine positive phonologische Markierung durch den Stimmton aufweist, weil der Stimmton im Urindogermanischen phonologisch irrelevant ist.

Key words: Proto-Indo-European plosive system, manner of articulation features, markedness, tenseness, final stops, neutralization, root structure constraint, Robert Gauthiot, Nikolai Trubetzkoy, Roman Jakobson

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Institute of Comparative Linguistics, Faculty of Arts, Charles University
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Slovo a slovesnost, ročník 77 (2016), číslo 4, s. 251-299

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