Časopis Slovo a slovesnost
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Pozdrav v indoevropském areálu (původ, motivace, funkce)

Helena Karlíková

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Greetings in the Indo-European area (origin, motivation, function) / Grußformeln auf dem indoeuropäischen Areal (Ursprung, Motivation und Funktion)

A B S T R A C T
The goal of this contribution is to show to what extent (if at all) the inventory of lexical means used for expressing contemporary greetings is a reflection of ancient formulas found in texts of the old IE languages, and what the meaning of greetings was in the past. It is generally assumed that the symbolism of greetings stems from the superstitious fear of the absolute dependence on supernatural phenomena, on gods having unlimited power over humans. This principle of subordination of the weak to the strong, in fact, has held true since Antiquity, throughout the Middle Ages, and up to the present day (today this principle is hidden in the rules of etiquette); the only thing that has changed is the model of the strong and the weak, reflecting changes in society. The paper also devotes attention to the origin and motivation of the oldest greeting formulas found both in Greek and Latin texts and in the Old and the New Testament. They are placed into wider lexical-semantic relationships, and their equivalents or continuations are sought in contemporary languages.

Z U S A M M E N F A S S U N G
Das im vorliegenden Beitrag analysierte Inventar an lexikalischen Mitteln zum Ausdruck von Grüßen zeigt, dass die ältesten Grußformeln zumindest teilweise urtümliche Formeln widerspiegeln, die (in beschränktem Umfang) in den Texten der alten indoeuropäischen Sprachen belegt sind. Seit Anbeginn fanden zwischen den Menschen soziale Begegnungen statt, daher lässt sich annehmen, dass Grußformeln primär aus diesen Kontaktsituationen hervorgegangen sind, aus den bei einer Begegnung verwendeten Worten. In einigen indoeuropäischen Sprachen findet sich bei Verben mit der Bedeutung ‚grüßen‘ noch die ursprünglichere Bedeutung ‚zu jemandem sprechen, ansprechen‘, z. B. altind. abhí vádati, gr. προσαγορεύω, dt. grüßen u. a. Gleichzeitig drücken die ältesten Grußformeln aber auch Demut gegenüber den göttlichen Kräften aus, die der primitiven Vorstellung von einer von Geistern und Dämonen beseelten Welt entspringt. Der Zweck des Grußes, der sich aus diesem magisch-mythologischen Denken ergibt, war es, den Zorn der übernatürlichen Kräfte abzuwenden oder deren Wohlwollen zu gewinnen. Ein Grundmotiv der ältesten indoeuropäischen Grußformeln ist die geistige oder körperliche Gesundheit, die im ersten Fall mit Glück und Freude (vgl. gr. χαῖρε), im zweiten Fall mit körperlicher Unversehrtheit (vgl. gr. οὖλε) in Verbindung gebracht wird. Diese Motivation hat sich bei Grußformeln zum Teil bis heute erhalten.
Zwar sind nicht alle der hier angeführten alten Grußformeln bis in die Gegenwart in Gebrauch geblieben, bestimmte stereotype Muster, die sich bereits bei den alten Indoeuropäern herauskristallisiert haben, haben sich dennoch bis heute erhalten. So weist das Prinzip, dass sich der Schwächere dem Stärkeren unterordnet (wie es heute in den Regeln der Verhaltensetikette zum Ausdruck kommt), eine Kontinuität bis auf die ältesten Zeiten auf. Auch einige nonverbale Begrüßungsrituale wie das Verneigen, der Händedruck u. ä. haben sich erhalten und wurden weiter entwickelt, wobei manche der diesbezüglichen Gesten auch lexikalisch in Grußformeln benannt werden (z. B. der Gruß Poklona! im archaischen Tschechischen). Die Trinksprüche und das Zuprosten, die ursprünglich rituellen Charakter hatten, haben sich heute einen festen Platz bei den verschiedensten gesellschaftlichen Anlässen erobert.

Key words: Indo-European, greetings, etymology, semantics
Klíčová slova: indoevropský prajazyk, pozdravy, etymologie, sémantika

Daný článek je on-line k dispozici v databázi CEEOL.

Ústav pro jazyk český AV ČR, v. v. i.
Veveří 97, 602 00 Brno
helena.karlikova@iach.cz

Slovo a slovesnost, ročník 77 (2016), číslo 4, s. 337-353

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