Časopis Slovo a slovesnost
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Aspects of Indo-European historical syntax in a typological perspective

Jadranka Gvozdanović

[Rozhledy]

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Vergleichende historische Syntax der frühen indoeuropäischen Sprachen

A B S T R A C T
This paper reexamines the core issues of the Indo-European syntax in a typological perspective including the interface of syntax, morphology and pragmatics (and in some instances also prosody). Word order is shown to have been significantly influenced by pragmatic functions even in allegedly prototypical verb-final systems in Anatolian, Indo-Aryan, Germanic and Romance. The paper also discusses the influence of verb valency involving clitic objects on attracting the verb to the initial position in Hellenistic Greek and Old Irish. Another major topic is the development of aspect systems that also had syntactic and pragmatic consequences. The paper discusses the main lines of this development including valency changes in a number of European language groups, whereas Indo-Aryan and Armenian (and to a limited extent also Germanic) primarily introduced other valency-changing categories, particularly causatives. The paper shows that the original typological properties are relatively resistant to change, but areal contacts can play a mediating role as illustrated by Dravidian and Uralic.

Z U S A M M E N F A S S U N G
Die allgemeinen Entwicklungen in der Syntaxtheorie und ihre Anwendungen beeinflussen auch die Studien zur komparativen Syntax des Indoeuropäischen. Fortschritte auf diesem Gebiet wurden in erster Linie durch detaillierte Untersuchungen semantischer und pragmatischer Faktoren erzielt, die eine Modifikation syntaktischer Regeln bewirken, und zwar sowohl synchron als auch diachron. Zum Fortschritt trug ebenso bei, dass syntaktische Muster nicht mehr als bestimmte Token behandelt, sondern Typen im Sinne von Konglomeraten von Eigenschaften zugeordnet wurden. Obwohl die Rekonstruktion durch die Etablierung kohärenter Muster einen Schritt vorangebracht wurde, litt der typologische Ansatz jener frühen Zeit an der Volatilität nicht-dynamischer Regeln und der fehlenden Möglichkeit, multidimensionale am Sprachwandel beteiligte Kräfte zu berücksichtigen. Dieser Aufsatz geht über die bestehenden kritischen Betrachtungen hinaus und untersucht die frühen Veränderungen in der indoeuropäischen Syntax, die an der Schnittstelle von Syntax, Morphologie und Pragmatik (in einigen Fällen auch Prosodie) zu lokalisieren sind.
Die Kernfragen der Rekonstruktion des Indoeuropäischen sind immer noch sehr umstritten und nicht völlig geklärt. Zu diesen gehört die syntaktische Typologie auf der Ebene der Syntagmen und der Haupt- und Nebensätze (linke und rechte Verzweigungen) und die damit verbundenen Fragen der Wortfolge, die Behandlung von Partikeln und die Entwicklung von Präverben sowie die mit dem Tempus-Aspekt-System und der Diathese verbundenen Phänomene. Die vorhandenen Daten bestätigen die Kritik an einem PIE OV Muster, weil sogar die prototypischen Vertreter der Sprachen mit Verben in Endstellung (Anatolisch, Indoarisch, Germanisch und das frühe Romanisch) eine signifikante Abhängigkeit der Wortfolge von den pragmatischen Funktionen Thema und Fokus aufwiesen, die eine Verschiebung der pragmatisch markierten Satzteile nach links bewirkten. Dies allein kann jedoch nicht die in den indoeuropäischen Sprachen Europas beobachtete Zweit- oder Erstverbstellung erklären. Der Aufsatz zeigt, dass die morphologischen Entwicklungen zu eher analytischen Sprachen einerseits und eine steigende syntaktische Komplexität von Prädikaten andererseits, besonders im Zuge der Univerbierung von Präverb-Verb Sequenzen, den Weg für eine spätere Umstrukturierung der Wortfolge in Übereinstimmung mit der vorherrschenden Zuordnung pragmatischer Funktionen ebneten. Um dies näher zu erläutern liegt der zweite Schwerpunkt des Aufsatzes auf adverbialen Konverben und ihrer Entwicklung zu Präverben und in einigen Sprachgruppen zu Verbalpräfixen im Kontext der Entwicklung der Aspektsysteme und der dialektalen Differenzierung des frühen Indoeuropäischen. Der Aufsatz zeigt die Hauptlinien der Entwicklung von Aspektsystemen auf, teilweise mit Folgen für die Syntax. Die syntaktischen Folgen kamen besonders im Zuge der Univerbierung von Präverben in unterschiedlichen indoeuropäischen Sprachen zum Tragen, die in den meisten Fällen zu Valenzveränderungen führten, während das Indoarische und Armenische primär valenzverändernde Kausativ- und Passivbildungen anwendeten. Diese Verfahren existierten auch in den indoeuropäischen Sprachen Europas (z. B. im Germanischen), wo sie jedoch weniger prägend waren. Die betrachteten Entwicklungen weisen alle auf ein durch die Semantik bedingtes Zusammenspiel von Syntax und Pragmatik hin. Es wird auch gezeigt, dass die ursprünglichen typologischen Eigenschaften relativ resistent gegenüber Veränderungen sind. Sprachkontakte in einem Gebiet können jedoch eine modifizierende Rolle spielen. Um das Wesen dieser Entwicklungen deutlicher zu verstehen, werden parallele Entwicklungen in anderen frühen Sprachgruppen wie der uralischen und Kontakte zu Sprachen in benachbarten Gebieten mitberücksichtigt (wie z. B. vom Indoarischen zum Drawidischen).

Key words: syntactic reconstruction, typological consistency, word order variation, pragmatic functions, Indo-European aspect and tense, Celtic verb complex

Daný článek je on-line k dispozici v databázi CEEOL.

Institute of Slavic Studies, Faculty of Modern Languages, University of Heidelberg
Schulgasse 6, 69117 Heidelberg, Germany
Jadranka.Gvozdanovic@slav.uni-heidelberg.de

Slovo a slovesnost, ročník 77 (2016), číslo 4, s. 416-434

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